Eine widersprüchliche Zeit

Simmersfelder Ensemble kreiert mit „Schnaitbach III“ eine glaubhafte historische Atmosphäre.

Die Kälte und der vorüberziehende Regen waren ihnen nicht anzumerken. Weder den etwa 150 Zuschauern, die sich am Samstagabend in Simmersfeld das Stück „Schnaitbach III: Lorles Heimkehr“ ansahen - noch dem unter diesen Bedingungen spielenden Ensemble. Am Vortag hatte man die Vorstellung aufgrund von starkem Regen und Gewitter absagen müssen, diesmal war das Wetter gnädiger: Zwanzig Minuten lang wurde das Stück in der ersten Hälfte wetterbedingt unterbrochen, danach ging es ohne Probleme weiter.

„Lorles Heimkehr“ schließt das dreiteilige Historiendrama um das fiktive Dorf Schnaitbach ab. Die während des Zweiten Weltkriegs in die USA emigrierte Jüdin Rebecca, genannt „Lorle“, kommt zurück in ihre alte Heimat. Inzwischen ist jedoch einiges geschehen: Auf der Bühne werden die Geschehnisse von Währungsreform, Kriegsverbrecherprozessen, Grundgesetzgebung und der vermeintlichen „Entnazifizierung“ im Zeitraffer erzählt. So findet sich Lorle in einem Dorf wieder, das nichts mit seiner Nazi-Vergangenheit zu tun haben will. Lügen und Verschweigen sind alltäglich. Jeder hofft auf eine bessere Zukunft und wirtschaftlichen Aufschwung. Alle leben in einer „ungeliebten Zeit“.

Die Schauspieler stellen die Zerrissenheit dieser Nachkriegsgesellschaft glaubhaft dar – auch wenn einige von ihnen erst nach dem Mauerfall geboren wurden. Die Widersprüche der Zeit werden außerdem in reflektierenden Monologen aufgegriffen. Dazu sind die Szenen gespickt mit zahlreichen lokalen Bezügen, wie der einst in Simmersfeld ansässigen Textilfirma Maute.

Seit einigen Jahren baut die Kulturwerkstatt Simmersfeld auf einzelne professionelle Schauspieler zur Ergänzung des Ensembles. Auffällig ist jedoch auch bei „Schnaitbach III“, dass die Grenzen zwischen „Laien“- und „Profi“-Schauspielern verschwimmen: Denn auch viele der älteren wie jüngeren Hobbyschauspieler wachsen in ihren historischen Rollen über sich hinaus. Viele der Besetzungen wurden zudem über die drei Teile beibehalten. Zuschauer, die bereits eine der vorhergehenden „Schnaitbach“-Vorstellungen gesehen haben, dürfen sich also auf einige altbekannte Gesichter freuen.

Mit dem dritten Teil ihrer Saga hat das Produktionsteam erneut ein Stück geschrieben, das vielschichtig erzählt und eine mitreißende historische Atmosphäre kreiert. Das liegt nicht zuletzt an der herausragenden musikalischen Untermalung, die Hannah Schwegler seit dem ersten „Schnaitbach“-Teil geleitet und zum Teil selbst eingespielt hat. Mit ihrem Spiel zwischen Harmonie und Dissonanz, kreiert sie einen Klangteppich, der längst zu „Schnaitbach“ gehört: Viele der eingänglichen Motive und Melodien sind bereits aus den bisherigen Teilen des Dramas bekannt.

Das Simmersfelder Sommertheater lebt von der Gleichzeitigkeit verschiedener Handlungen: Auf und neben der breiten Naturbühne passiert meist an mehreren Orten gleichzeitig etwas. Was genau, das können die Zuschauer noch bis zum 5. August im Simmersfelder Festspielhaus sehen. In der letzten Juli-Woche (26.-30.7.) wird von Mittwoch bis Sonntag, abschließend Anfang August (02.-05.08.) von Mittwoch bis Samstag gespielt. Die Vorstellungen beginnen etwa um 20.30 Uhr, Gastronomie und Abendkasse öffnen um 19 Uhr.

Das Kartentelefon der Kulturwerkstatt ist montags bis freitags zwischen 17 und 19 Uhr unter 07484/1070 zu erreichen.

Veröffentlichungsdatum: 
Dienstag, 25. Juli 2017 - 12:00
Autor: 
Ben Mendelson